Vortrag auf Schloss Grünenstein, 13.11.2010 von Peter J. Schaps

Die Schlossgeschichte (PDF ca. 2.4MB)

Urkunde zur Einweihung des Schlossdenkmals (PDF ca. 2.5MB)

Wenn man sich hier im Schloss Grünenstein bewegt, merkt man, atmet man, dass die Familie Custer, die sich mit C schreibt, eine vornehme Familie war. Man spürt die Atmosphäre von Bildung, gutem Geschmack, Eleganz und Reichtum, aber auch Tradition und Geschichtsbewusstsein. Die junge Linde, die im Schlosshof steht, wurde am 15. Juni 2005 neu gepflanzt. Ihre Vorgängerin ist 200 Jahre früher, 1805, gesetzt worden zur Erinnerung an die Edition der "Geschichte des Rheintals", des Büchleins, das Ambühl im Auftrag von Jacob Laurenz Custer schrieb, aber nicht mehr beenden konnte, und das dann vom Schlossherr selbst zu Ende geschrieben wurde. Dass ihm dieses Werk wichtig war, zeigt sich an diesem Bild, das den alternden Custer mit diesem Buch in den Händen zeigt. Welchem Privatmann würde es heute noch einfallen ein Geschichtsbuch schreiben zu lassen?

Nun, man hat mich heute hierher gebeten, um an diesem Ort ein bisschen Geschichte zu vermitteln. Aus der alten Zeit, weiss man nicht allzu viel, und wenn ich Ihnen nun Daten und adelige Dynastien zitiere, die das Rheintal immer solange behielten, wie sie Geld hatten, und dann sofort verkauften, dann müsste ich sie aus Büchern abschreiben, und Sie hätten sie doch schon vergessen, bevor Sie zum ersehnten Nachtmahl kommen. Mut zur Lücke! Ich sammle Ihnen einige Highlights, in der Hoffnung, dass ich Sie nicht zu sehr langweile.

Vor einigen Jahren besuchte ich an einem eiskalten Wintertag einen Prozentarchäologen (zu 30% finanziert aus dem Sporttotofonds) in Rebstein, also ein Dorf weiter südlich, um ihm einen heissen Tee zu bringen, und durfte gerade zusehen, wie dieser eine neolithische Steinaxt aus der abgebrochenen Wand eines Aushubes herauszog.

Wir sind also hier sicher in einem Kulturgebiet, das allerdings bis auf die Berglehen hüben und drüben nicht grossartig genutzt werden konnte, hat doch der Rhein mit seinen dauernden Überschwemmungen die eigentlich fruchtbare Talsohle weitgehend unnütz gemacht. Jahrhunderte lang haben sich die Nachbarn beider Rheinufer mit Wuhren und Schupfwuhren immer wieder das Wasser zugeleitet, bis dann endlich die Melioration, das grösste Werk dieser Art in der Schweiz, dem Talvogt Rhein mit dem Staatsvertrag von 1892 Einhalt gebot. Seither haben wir Ruhe und viel neues Nutzland.

Um 1277 dürfte der Turm, der noch immer im Schloss steckt, von den "Edlen von Grünenstein" gebaut worden sein. Dann mag ein bescheidener Anbau ein etwas bequemeres Wohnen ermöglicht haben. im 13. und 14. Jahrhundert war das Schloss im Besitz der Freiherren von Sax, 1347 kam es an das fürstliche Stift Lindau, bei dem es bis 1510 verblieb. Dann kaufte es der Fürstabt von St. Gallen, der damit wieder einen Ludwig von Grünenstein belehnte. 1558 konnte Balgach durch Kauf die Vogteirechte ablösen und war somit vogtlos. 14-mal wechselte Grünenstein den Besitzer, aber bis 1798 nur zweimal den Eigentümer. Die Besitzer waren also nur Lehnherren, und jeder musste dem Abt von neuem den Lehens-Revers unterschreiben und die entsprechenden, nicht sehr niedrigen Abgaben an das Kloster leisten. Auch noch der durch und durch evangelische Jacob Laurenz Custer wurde so äbtischer Lehensherr. Erst 1798 wurde diese Lehensabhängigkeit aufgehoben.

Die heutige Form verdankt Grünenstein dem grossen Los, das die Gattin des glarnerischen Zeugherrn Fridolin Schindler 1776 in der niederländischen Staatslotterie gewann. Ihr Sohn, der in Paris Architektur studierte, kam so zu seinem ersten Auftrag. Um kein Risiko einzugehen, gab man dem jungen Mann aber einen gewieften Baumeister zur Hand, den Haltinner von Altstätten, der seinerseits bei den berühmten Grubenmann gelernt hatte, und in die Familie einheiratete. 1791 kaufte dann Jacob Laurenz Custer das Schloss und machte es zu seinem Sommersitz.

Jetzt sind wir bei der Person angelangt, die nicht nur für das Schloss Grünenstein, sondern für das ganze Rheintal zu einem der prägenden Köpfe wurde. Erlauben Sie mir, die neuere Geschichte des Rheintals an der Biographie dieses Mannes zu erläutern, des genius loci, der wenigstens in den Sommermonaten hier wohnte.

Er was nicht nur ein belesener, kultivierter und allem Schönen zugeneigter Mensch, sondern er erkannte auch den Wert gemeinbildender Institutionen und leitete aus diesem Wissen auch für sich die Pflicht ab, diese zum Wohl der Allgemeinheit zu fördern und zu unterstützen. Reiche Leute gibt es auch heute noch; unterstützt, heute sagen wir 'gesponsert', wird auch heute noch, aber Fussballfelder, Eisstadien, sämtliche Körperteile an Sportler-Bekleidungen und die Kotflügel von Rennwagen werden heute bevorzugt. Was zur Zeit Custers nicht in greller Leuchtschrift auffiel, und beim nächsten Crash auf dem Autofriedhof landet, das finden wir dafür heute noch auf dem schlichten Denkmal hier im Garten: steingewordene, zeitüberdauernde Dankbarkeit. Oder nehmen wir die Custer'sche Maxime:

"Die Kaufmannschaft erwirkt Glück und Segen,

doch nur durch Ehrlichkeit und emsiges Bestreben."

Vergleichen wir diese Geisteshaltung mit der vieler Manager von heute. Deren Maxime dürfte heissen:

"Das Management erwirkt mir goldnen Segen,

geht's in die Hosen, stehn andere im Regen."

Erlauben Sie mir einige kurze historische Vorbemerkungen über die Zeit Custers, die ja nicht ganz einfach zu überblicken ist, um dann auf sein Leben einzugehen.

Als ich mich mit der Vorbereitung mit J. L. Custer, seinem Leben und seiner turbulenten Zeit auseinandersetzte, kam mir immer wieder in den Sinn, dass die damalige Situation, der Wechsel der Untertanen zu freien Eidgenossen eine Zeit des Umbruchs war, ganz ähnlich, wie wir es heute erleben. Was sich heute in Europa abspielt, das spielte sich damals in der Schweiz ab. Die Kräfte wurden neu verteilt, man musste sich zusammenraufen.

Vom losen Staatenbund mit seinen Untertanengebieten zur modernen Schweiz war es ein langer und mühsamer Weg, der schliesslich bis zum Bundesstaat und zur Verfassung von 1848 ganze 50 Jahre dauerte.

Was wir heute als selbstverständlich anschauen, war das Resultat eines politischen Ringens mit allen Schwierigkeiten und Problemen, das vom Ancien Régime, das bis zum Franzoseneinfall herrschte über die uns von den Franzosen aufgezwungene Helvetik (1798 -1803) zur Mediation von Napoleons Gnaden (1803 bis etwa 1816) und dann über die Restauration (1816 -1830) zur Regeneration mit dem Sonderbundskrieg bis zur Verfassung von 1848 führte.

Es ging nicht ohne Gewalt vor sich. Die Franzosen, von Frédéric Laharpe zwar gerufen, kamen offiziell als Befreier. Vor allem befreiten sie die Eidgenossen von ihrem Vermögen. Sie plünderten die Staatskassen, raubten die Klöster aus, liessen durch ihre Einquartierungen ganze Landstriche völlig verarmen. In der letzten Phase der Regeneration erleben wir die Klosteraufhebungen, die unseligen Freischarenzüge und schliesslich 1847/48 den Sonderbundskrieg.

Diese letzte Phase hat J .L. Custer nicht mehr erlebt, er ist 1828 gestorben.

Wer war J. L. Custer?

Jacob Laurenz Custer wird als Sohn reicher und vornehmer Eltern in dem Haus am Markt, das wir heute Reburg nennen, am 16. März 1755 in Altstätten geboren. Er hatte eine 5 Jahre ältere Schwester, Magdalena, und der etwas zartbesaitete Stammhalter Laurenz wird sorgfältig erzogen. Zuerst geht es in die evangelische Stadtschule, erkrankt dann an Ruhr und wird dann von einem Privatlehrer, Johann Ritz aus Berneck unterrichtet. Ihm bleibt er bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden. Als Jacob Laurenz 7 Jahre alt war, wird sein Bruder Johann Friedrich geboren.

Mit 14 Jahren verlässt er sein Elternhaus, um in Haldenstein bei Chur eine damals moderne, aufgeklärte Schule zu besuchen, die Philanthropin. In dieser Schule, die nur als Internat geführt wurde, lernt er Schulkollergen aus der ganzen Schweiz kennen, alles Söhne wohlhabender Eltern. Der bekannteste von Ihnen war Frédéric César Laharpe. 1771 schickte ihn dann sein Vater nach Genf, dort machte er 3 Jahre eine Lehre als Tuchhändler, oder sagen wir besser als Grosskaufmann. Er darf reisen. Das war damals nicht nur ein Vergnügen und trotz vieler Unannehmlichkeiten eine teure Sache. Ausser Soldaten, Kleinhändlern, wir würde heute Hausierer sagen, wurde nicht viel gereist. Man reiste, wenn man musste, wer bequem reisen durfte, der hatte Pferd und Wagen. Und im Gegensatz zu heute, wer damals ein 4-rädrges Gefährt hatte, der war reich. Jacob Laurenz machte eine Reise über Mailand, Genua nach Marseille, verbrachte dort, einem Zentrum des Handels, einige Zeit und reiste weiter über Paris - Strassburg - Basel wieder nachhause.

Während seiner Abwesenheit ist in Rheineck Johannes Heer, der Grosskaufmann und Sohn des Erbauers des Löwenhofes, gestorben und hinterliess ein blühendes Handelsgeschäft aber auch eine Witwe mit einer kleinen Tochter, die im Löwenhof in Rheineck lebten. Heer war auch der ledige Name der Mutter von JLC, die beiden waren also verwandt und so kümmerte sich der junge, gut ausgebildete JL um das verwaiste Geschäft seiner angeheirateten Cousine.

Aus verwandtschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen wurde Liebe, und die beiden, sie 14 Jahre älter als er, beschlossen zu heiraten.

In Altstätten, wo sich etwas eine Mutter den jungen, reichen Mann als Schwiegersohn gewünscht hätte, wurde diese Verbindung nicht sehr geschätzt. Das Missfallen wurde recht deutlich ausgedrückt, sodass die beiden Verlobten 1776 auf getrennten Wegen nach Eichenwies reisten, und dort gemeinsam nach Salez, um sich dort trauen zu lassen. Schon zu diesem Anlass schenkte das paar den Kirchen von Rheineck und Altstätten grosse Summen. Solch grosszügige Vergabungen können wir nun immer wieder zu den verschiedensten Anlässen begegnen.

Custer, nun im Löwenhof in Rheineck zuhause, verbrachte viel Zeit in Verona, pflegt aber, wenn er im Rheintal war, ein gastfreundliches Haus. Er hat es verstanden aus dem übernommenen, florierenden Geschäft mit Fleiss und Geschick ein überaus prosperierendes Grosshandelsgeschäft aufzubauen, das Kontakte über halb Europa pflegte.

Bei ihm verkehrten Leute, wie Johann Jakob Ritz, Appelationsrat aus Berneck, Johann Kaspar Zellweger aus Trogen, Kaufmann und Geschichtsschreiber, Naeff, der Vater des späteren Bundesrates und Carl Heinrich Gschwend, der abwechslungsweise Stadt- und Gerichtsammann in Altstätten war. Der Umgang dieser Herren war für unser heutiges Empfinden steif und distanziert, man siezte sich, war stets im eleganten, farbigen Just-au-corps gekleidet, trug einen Degen und benahm sich so, wie es einem Herrn von Stand damals eben zukam. Auch die Vögte, die sich alle zwei Jahre abwechselten, pflegten Umgang mit diesen Leuten aus der Oberschicht. Es waren nicht alles verhasste Vögte, wie wir sie aus Schillers Willhelm Tell kennen. Es war etwas durchaus Gewohntes und Selbstverständliches für die Bewohner der "gemeinen Herrschaften". Die damals relativ kleine, gebildete und begüterte Oberschicht war natürlicherweise auch Ansprechpartner der Vögte, die ja sonst völlig isoliert gewesen wären. Die Kontakte gingen so weit, dass der schon genannte Carl Heinrich Gschwend, ein Freund Custers, gar die Tochter des Schwyzer Vogtes Betschart heiratete.

Im gleich Jahr 1782, als Jacob Laurenz den Tod seines Vaters betrauerte und wieder eine grosse Vergabung an Altstätten machte, stellte er auch Ludwig Ambühl, einen Lehrer aus dem Toggenburg als Privatlehrer für seine Stieftochter an. Diese Anna Regina Magdalena Heer war körperlich etwas zurückgeblieben und soll ein unterentwickeltes Ärmchen gehabt haben. Ambühl begleitete Custers Stieftochter an die Schulen nach Strassburg und nach Genf. Später wurde er mit der Abfassung der "Geschichte des Rheintals" betraut, die er aber nicht mehr ganz fertig schreiben konnte. Jacob Laurenz Custer, auch historisch interessiert, sammelte in Abschriften alle Urkunden und Abscheide, die das Rheintal betreffen, und eignete sich im Laufe der Zeit eine Sammlung von 21 Bänden an, die weit über den privaten Gebrauch konsultiert wurden. Heute lagern sie als gehüteter Schatz im Museum Prestegg in Altstätten.

Obwohl um 1790 schon das Schlösschen Weinstein durch Erbgang an die Gebrüder Custer gefallen war, kaufte Jacob Laurenz 1791 von Zeugherr Schindler aus Glarus auch das Schloss Grünenstein in Balgach, das zum Sommersitz erkoren wurde.

Das Geschäft in Altstätten wurde nach dem Tode des Vaters vom jüngeren Bruder Johann Friedrich geführt, der ebenfalls eine gute kaufmännische Ausbildung genossen hatte, die häufigen Kontakte der Brüder führten auch zur Vertrautheit zwischen Johann Friedrich und der Stieftochter seines Bruders, die sich 1793 entschlossen zu heiraten. Die beiden Geschäfte wurden vereint und das Vermögen der reichen Erbin blieb in der Familie. Ambühl, der ehemalige Hauslehrer und Freund des Hauses schrieb damals die Zeilen:

"Alles habt Ihr: Ehre, Reichtum, Habe;

- was das Glück vermag mit seinem Zauberstabe,

damit hat es reichlich Euch bedacht." (Bösch p. 18)

Zwei Jahre später wird dem jungen Paar eine Tochter Friedrike geboren und wenig später stirbt in Altstätten, im Haus am Markt die Mutter. Zur Erinnerung an die geliebte Mutter und eines kurz darauf verstorbenen Onkels stiften die beiden Söhne wieder zu Gunsten von evangelisch Altstätten eine Summe von 6200 Gulden.

Als der verehrte, in die Jahre gekommene ehemalige Hauslehrer Johann Ritz von Berneck den Vorschlag machte, seine Bibliothek der Öffentlichkeit zu stiften, nahm Jacob Laurenz den Gedanken auf, liess das Obertor in Altstätten so umbauen, dass es für die neugegründete Rheintalische Lesegesellschaft eine günstige Bleibe wurde. Custer als Präsident dieses Vereins, bedachte diese Bibliothek stets grosszügig und förderte so die Bildung des Volkes.

Bis zu diesem Zeitpunkt lebte Jacob Laurenz Custer das Leben eines fleissigen, erfolgreichen, kultivierten und begüterten Kaufmanns. Schauen wir uns die Gemälde an, die bis zu diesem Zeitpunkt von ihm existieren, dann sehen wir ihn dargestellt im farbigen Just-au-corps, in reich gestickter, seidener Weste, den wertvollen Degen an der Seite, kurz, das Bild eines Grandseigneurs, der eigentlich mit dem Gedanken spielte, sich aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzuziehen und die Früchte seiner Wohlhabenheit zu geniessen. Aber es kam anders, nicht nur für Jacob Laurenz Custer sondern für alle und alles. Die magischen Worte "liberté, égalité und fraternité" veränderten ganz Europa.

Am 28. Januar 1798 brachen die französischen Truppen, gerufen vom Jugendfreund Custers, Frédéric César Laharpe, in die Waadt ein. Das Rheintal wurde aufgefordert Truppen zu entsenden. Die Rheintaler waren aber gewillt, die Gunst der Stunde zu nützen, und beschlossen auf einer Landsgemeinde in Berneck am 11. Februar, nicht als Untertanen, sondern nur als freie Eidgenossen dem Ruf ins Feld zu folgen. Eine Abordnung, darunter Jacob Laurenz Custer, unter der Leitung von Hofkanzler Carl Heinrich Gschwend sollten in Frauenfeld einem Kongress die von Johann Ludwig Ambühl verfasste Bittschrift übergeben. Unter dem Drucke neuer schlechter Nachrichten wurde dann der Bitte stattgegeben und am 3. März entstand die "Republik Rheintal", als selbständiges Glied der Eidgenossenschaft. Am 26. März hielt man nach dem Muster Appenzells auf der Breite in Altstätten eine Landsgemeinde ab, auf der C. H. Gschwend als Landammann und Jacob Laurenz Custer als Landesstatthalter gewählt wurden.

Unter dem Druck der französischen Bajonette wurde dann aber schon nach 17 Tagen, am 12. April die Verfassung der Helvetischen Republik angenommen, was den eben erst befreiten Rheintalern gar nicht passte. Am 17. April fand eine ausserordentliche Landsgemeinde in Berneck statt, wo man diese Verfassung mit grossem Mehr ablehnte und die neu errungene Freiheit "mit Gut und Blut" verteidigen wollte. Bedachte Leute, die zur Besonnenheit und zum Abwarten ermahnten, wurden niedergeschrien, als Franzosenfreunde tituliert und gar bedroht. Custer setzte sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter über den Rhein nach Höchst ab und reichte seinem Freund Carl Heinrich Gschwend seinen Rücktritt ein: "Da ferner seit geraumer Zeit unsere unermüdeten Arbeiten für's Wohl unseres geliebten Vaterlandes nicht nur mit schnödem Undank belohnet, sondern unsere Personen mit greulichem Mord und Totschlag öffentlich bedrohet wurden, so forderten unsere eigne Selbsterhaltung, das Wohl unserer geliebten Weiber und Kinder und andere Gründe mehr uns auf, uns hier in Sicherheit zu begeben, bis die trüben Tage der Anarchie vorüber und Personen und Eigenthum in unserem Lande wieder gesichert sind." (Arbenz p. 3)

Gschwend kontert: "Was stellen Sie doch an, dass Sie fliehen, gehen Sie zurück auf Ihren Posten. Ich habe Ihre Resignation um ihres Eigenthums willen hinterhalten und offenbare sie nicht, bis ich muss. Sie werden wichtige Briefe in Rheineck antreffen. Der Feind kommt noch nicht, haben Sie doch nicht so entsetzliche Forcht. Man muss das Vaterland nicht verlassen, bis gar nichts mehr hilft." (Arbenz p. 3)

Custer kam über den Rhein zurück, verreiste aber bald nach Verona, wo ihn seine Frau schon längere Zeit erwartete. Im Rheintal aber wurde am 7. Mai unter den neu errichteten Freiheitsbäumen die neue Verfassung angenommen.

Als Custer ins Rheintal zurückkam, gab er dem Druck nach, das Amt des Stadtammanns von Rheineck zu übernehmen. In der damaligen Zeit gab es wenig französisch sprechende Leute und Custer gehörte zu ihnen. Mit den neuen Herren verhandeln zu können war jetzt wichtiger denn je, denn die hohen Offiziere suchten sich auch die besten Quartiere. Die Generale Massena und Soult waren beide Gäste Custers im Löwenhof in Rheineck. Als dann im Mai 1799 die Oesterreicher unter General Hotze den Rhein überschritten, zog sich Custer für einige Zeit nach Lindau zurück. Er wollte aus der Ferne abwarten, wie die österreichischen Herren ihn als "Franzosenfreund" einschätzten.

Die Einquartierungen und die Ernährung der fremden Soldaten verschlangen Unsummen von Geld, und dazu war 1799 ein Jahr mit schlechter Ernte, sodass Teuerung und Hungersnot die Rheintaler zusätzlich in Not brachten.

1800 wurde Jacob Laurenz Custer zum Schulinspektor des Distrikts Unterrheintal bestimmt, eine Berufung, die seinem Naturell mehr entgegen kam, pflegte er doch mit Pfarrer Steinmüller, der sich sehr um die Lehrerausbildung annahm, regen Kontakt. Im gleichen Jahr starb auch Johann Ludwig Ambühl, der Freund der Familie, ohne die "Geschichte des Rheintals" beendet zu haben.

Die Sache der Helvetik stand nicht gut. In Bern fanden Revolutionen statt und die Zentralisten hatten einen schweren Stand gegen die Föderalisten. In dieser Zeit des kämpferischen Umbruchs zog Napoleon seine Truppen aus der Schweiz ab. Es entstand ein Machtvakuum, das jede Partei ausnützen wollte. Genau in dieser Zeit grösster Unruhe bekam Jacob Laurenz Custer die Nachricht, dass er vom Senat zum Staatssekretär der Finanzen gewählt worden sei. Das entspricht der heutigen Stellung eines Bundesrates. Zuerst wollte Custer rundweg ablehnen, aber Freunde und Gesinnungsgenossen, vorab Carl Heinrich Gschwend, der unterdessen Regierungsstatthalter des Kantons Säntis geworden war, drängen ihn zur Annahme. ".. erfüllen Sie unsere Wünsche und vielleicht wird schon jetzt, gewiss aber in späteren Jahren der friedliche Bürger den Tag Ihrer Abreise segnen, vom Felsgebirg herab wird das Jauchzen der Hirten ertönen, und aus fruchtbaren Thälern werden Jubellieder des Landmannes erschallen."(Bösch p.25)

Custer nahm schweren Herzens die Wahl an und reiste am 28. Juli zusammen mit Senator Messmer nach Bern, wo er am 1. August 1802 sein Amt antrat. Er stand sechs Büros vor, in denen zwischen fünf und zehn Beamte arbeiteten, die die Belange Steuer- und Rechnungswesen, Salzregie und Postverwaltung, Domänen- und Klösterverwaltung, Zehnte und Grundzinsen und das Zollwesen zu bewältigen hatten. Als bewährter Kaufmann versuchte er, Ordnung in die Staatsfinanzen zu bringen, ein Budget zu erstellen und eine Staatsanleihe vorzubereiten. Da mehrten sich die Anzeichen eines Bürgerkrieges, die Unterwaldner kämpften gegen die Regierungstruppen, der eidgenössische Landammann Dolder wurde gefangen genommen und zur Demission gezwungen. Custer legte nach 50 Amtstagen sein Demissionsschreiben vor, doch es war zu spät. Die Regierung musste Bern überstürzt verlassen und nach Lausanne fliehen. Custer begleitet sie nicht. Er reiste nach Neuchâtel und von dort wieder ins Rheintal. In dieser für die Schweiz verfahrenen Situation bot sich Napoleon als Vermittler, als Mediator an. Aus jedem Kanton sollten einige Männer bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung mitarbeiten dürfen. Napoleon nannte diese Gruppe "die helvetische Consulta". Wieder wurde Jacob Laurenz Custer zusammen mit Josef Blum aus Rorschach für diese Aufgabe gewählt. Er nahm die Wahl an unter der protokollierten Bedingung, dass das sein letztes politisches Amt sei. Am 10. November reisten die beiden von St. Gallen über Bern nach Paris, wo sie am 21. November ankamen. Napoleon hatte seine eigenen Vorstellungen und war auf den Rat dieser Consulta nicht sehr erpicht. Ohne genauere Unterlagen erarbeiteten Custer und Blum eine neue Einteilung des neuen Kantons St. Gallen in 8 Distrikte und 44 Kreise. Laufend unterrichtete Custer den Regierungsstatthalter Gschwend über die Verhandlungen, aber die Post hin und zurück dauerte damals sehr lange. Am 21. Februar 1803 war die Abschiedsaudienz bei Napoleon und am 23. reisten die Herren ab, um neun Tage später wieder in St. Gallen einzutreffen.

Vor der Kantonstagsatzung erstatteten die Herren Custer und Blum am 7. März Bericht, der mit Beifall aufgenommen wurde. Wieder wurde Custer in den Grossen Rat und in die Geschäftsprüfungskommission gewählt. Er beschäftigte sich vor allem um den Loskauf der Zehnten und um die Vereinfachung von Weggeldern und Zöllen, aber auch das Geschäfts- und Polizeireglement und die Organisation des Appelationsgerichtes standen in seinem Pflichtenheft.

Noch einmal stand Custer im Rampenlicht der Staatspolitik. Am 4. Juli amtete er zusammen mit Müller-Friedberg als Deputierter des Kantons St. Gallen an der ersten Tagsatzung der Mediation in Fribourg. Er wurde in die Kommissionen über die Regulierung des Salzwesens (200 000 Zentner mussten zu übersetztem Preis aus Frankreich bezogen werden!) und des Postwesens gewählt. Als Verrat an der Selbständigkeit der Schweiz wurde ihm und Müller-Friedberg vorgeworfen, dass sie sich direkt an Napoleon, den Mediator wandten, weil der Kanton Zürich Forderungen für die verlorenen Güter der Herrschaft Sax und die Glarner für Werdenberg stellten. Auch das Kollaturrecht (Recht auf die Besetzung der Pfarrstellen) wollten die Zürcher für das evangelische Rheintal nicht freiwillig abgeben. Custer wurde auch in die erste Geschäftsprüfungskommission gewählt.

Endlich schien auch die Nachfolge des umfangreichen Unternehmens gesichert. Die Stieftochter schenkte 1804 einem Sohn, August Constantin das Leben. Noch etwas anderes erfreute Custer, als es 1805 an den Tag gelegt wurde: die "Geschichte des Rheinthals". Für dieses Buch, das Ambühl auf Wunsch und dank der Unterstützung von Custer schrieb, liess dieser von Kupferstecher Conrad Sulzberger in elf Stichen wichtige Gebäude und zwei Ansichten des Rheintals abbilden, und die vom Kartographen Johannes Feer aus Zürich trigonometrisch aufgenommene Karte verkleinert beigeben. Auf dieser Karte im Grossformat steht zu lesen: aufgenommen von Joh. Feer auf Kosten von JLC. (Jacob Laurenz Custer) Diese "Spezialcharte des Rheinthals" war bis zum Erscheinen der Eschmann-Karte die genaueste der Ostschweiz.

Zur Erinnerung an die Buchedition pflanzte Custer im Garten von Schloss Grünenstein eine Linde, die eben im Juni 2005 erneuert wurde.

Er präsidierte weiter die Kommission über die Vereinfachung der Zölle und Weggelder und wurde noch zum Linthkommissär ernannt. Er übernahm damit die Aufgabe, durch den Verkauf von Linth-Aktien das grösste Projekt der damaligen Zeit, die Trockenlegung des Sumpfes und die Kanalisation der Linth, zu finanzieren.

Nach wie vor interessierte sich Custer für die Schulbildung, und für deren Förderung errichtete er einen Rheintalisch evangelischen Schulfonds, den er reich dotierte. Noch reicher stattete er den Rheintalisch evangelischen Armenfonds aus, den er mit 24 000 Gulden bedachte. Custer sorgte klug dafür, dass diese Stiftungen langfristig Segen spenden sollten, indem er verbot, das Kapital anzugreifen. Nur die Zinsen wurden und werden ausgeschüttet und bei Nichtgebrauch zum Kapital geschlagen. So figurieren noch heute, so viele Jahre nach Custers Tod, diese Vermächtnisse in den Kassen öffentlicher Korporationen.

Am reichsten sorgte er für die eigene Familie vor, indem er 1812 einen Custer'schen Familienfonds mit 100 000 Gulden testierte. Er, der Kinderlose, sorgte so für die Erben seines Bruders.

Politisch äusserte sich Jacob Laurenz Custer noch einmal 1814 mit der Schrift "Bemerkungen über die Staatsökonomie des Kantons St. Gallen". Im gleichen Jahr erfolgte auch seine Wahl in die Verfassungskommission. Für seine Verdienste und seine Grosszügigkeit verlieh ihm 1815 die Stadt Rheineck das Ehrenbürgerecht.

1817 war das grosse Hungerjahr, zweimal trat der Rhein über seine Ufer und ertränkte die ganze Ernte. 1400 Menschen starben in diesem Jahr im Rheintal, die Not war gross und Custer half, wo er konnte. Er wurde in die Armenkommission gewählt und legte der Kommission schnell einen brauchbaren Entwurf vor.

Im Herbst dieses traurigen Jahres schlug das Schicksal noch einmal zu. Mit erst 55 Jahren starb sein Bruder Johann Friedrich an einem Schlaganfall, und Jacob Laurenz kümmerte sich fortan ganz besonders um dessen Sohn August Constantin, seinen Erben.

Im Oktober dieses Jahres 1817 scheidet Custer nun endgültig aus allen öffentlichen Ämtern und lehnt auch eine Wiederwahl in den Grossen Rat ab.

Nach 44 gemeinsamen Jahren verstarb 1820 Custers fast 80-jährige Gattin. Nun wurden die beiden Häuser, Schloss Grünenstein und der Löwenhof doch etwas gross für den einsamen Herrn, der nun Zerstreuung in der Musik und der Literatur suchte und fand. Seine Gesundheit liess nach, Custer litt unter Brustkrämpfen und Atemnot. Am 24. Januar 1828 starb Jacob Laurenz Custer fast 73-jährig im Löwenhof. Eine grosse Menschenmenge begleitete den Sarg auf den Friedhof in Rheineck und in die Kirche, wo Pfarrer Steinmüller die Totenpredigt hielt, die später im Druck erschien. Noch nach seinem Tode verfügte Custer testamentarisch über die Vergabe von 39 500 Gulden, die im Rheintal verteilt wurden.

Ich versuchte einmal die grosszügigen Vergabungen von Jacob Laurenz Custer auf die heutige Kaufkraft umzurechnen. Zu Custers Lebzeiten kosteten sechs Liter Rotwein einen Gulden. Wenn wir das mit dem heutigen Weinpreis vergleichen, kommen wir auf eine Kaufkraft von etwa 19 Millionen Franken.

Ein Jahr nach seinem Tode liessen die evangelischen Gemeinden von Rheineck, Balgach und Altstätten am Weiher bei Grünenstein ein schlichtes Denkmal errichten, das noch heute steingewordene, zeitüberdauernde Dankbarkeit beweist. 50 und 100 Jahre nach Custers Tod feierte die evangelische Schuljugend des Rheintals zu seinen Ehren ein Erinnerungsfest. 1978 hat man seiner nicht mehr gedacht, aber 2003, zum 200. Geburtstag des Kantons, feierte immerhin die Balgacher Schuljugend noch einmal ein Fest zu Ehren des grossen Rheintalers, der es wirklich verdient nicht vergessen zu werden.

 

Literatur:

Arbenz J.J.: Jacob Laurenz Custer, helvetischer Finanzminister, Kantons- und Erziehungsrat und Wohltäter des Rheintals. Neujahrsblatt des hist. Vereins St. Gallen,1871

Bösch Jakob: Jacob Laurenz Custer 1755 – 1828; Berneck 1928

Custer Heinrich L.: Weisses Herz und rote Rosen. Episoden aus Altstätter und Rheinecker Familiengeschichten um Jakob Laurenz Custer. Au, 1996

Custer Max: Jacob Laurenz Custer als Politiker. in: Rheintaler Regionalgeschichte in Exkursionen. Heerbrugg 1996

Custer Max: Das Rheintal für „Ausländer“ – Geschichtliches, Baugeschichte – Wer war Jakob Laurenz Custer?, Balgach o.J.

Dierauer Johannes: Die Befreiung des Rheintals 1798. Berneck 1998

Steinmüller J.R. : Zum Andenken an den hochgeachteten Herrn Jakob Laurenz Custer im Löwenhof in Rheineck. Altstädten, 1889

Vogler Werner: Einführung zu "Geschichte des Rheinthals", Altstätten 1990

Wyssmann Werner: Rechtsgeschichte des St. Galler Rheintals bis zum Jahre 1798. Cöthen,1922